Der TRANS ARABIA Blog
Durchqueren Sie mit uns Südarabien von Muskat nach Mokka!
Endlich ist es so weit – wir sind unterwegs! Begleiten Sie uns die nächsten Wochen durch Arabien. Zweimal wöchentlich werden wir, Hartmut Fiebig und Johannes Erretkamps, hautnah von unterwegs berichten. Über interessante Menschenbegegnungen, spektakuläre Natur, absurde Begebenheiten beim Unterwegssein und die unweigerlichen Tiefschläge und Höhenflüge einer Reise durch Arabien...
Nach den letzten Vorbereitungen in Dubai, der boomenden Drehscheibe am Arabischen Golf, brechen wir zum einstigen Gewürzhandelshafen Muskat, der modernen Hauptstadt des Sultanats von Oman auf. Über das omanische Hajar-Gebirge soll uns die Recherchereise durch die Wüste Rubb Al-Khali in das mystische Ursprungsgebiet des Weihrauchs führen, nach Dhofar. Historischen Handelsrouten wollen wir dann über die Grenze in den wilden Jemen folgen, wo unsere Reise nach einem Besuch in Soqotra, dem Galapagos Arabiens, schließlich in Mokka, am Roten Meer, im legendären Kaffee-Exporthafen zu Ende gehen wird. Insha’allah!
Wir freuen uns über Eure Kommentare im Gästebuch!

Tiefschläge und…
Eigentlich hatte alles so gut begonnen...
21.12.2009, Khasab
Ich liege auf meinem Bett im Hotelzimmer und starre an die weiße Decke. Mein Schädel brummt, die Nase ist dick geschwollen, ich kann die Augen nur halb öffnen. Warum muss mir das jetzt passieren? Dabei hatte doch alles so gut begonnen, hier im malerischen Khasab vor diesem pechschwarzen Tag…
Direkt nach der Ankunft hatten wir uns einen Geländewagen gemietet und waren in die weite Bergwelt Musandams aufgebrochen. Verschachtelte Fjorde prägen die Küstenlinie, die Felsen ragen an vielen Stellen bis ins Meer. In einer kleinen Bucht bauten wir am weißen Strand unser Nachtlager auf. Auch nachts ist es hier noch so warm, dass wir nur das Moskitonetz brauchen. „Komm, wir gehen noch kurz unsere Nachbarn begrüßen“, schlug Hardy vor. Aus dem kurzen „Hallo“ wurde ein langer Abend am Lagerfeuer mit selbst gefangenem Fisch vom Grill, Wasserpfeife und vielen Geschichten. Wer hätte geahnt, dass wir ausgerechnet hier, im einsamen Musandam, das nachholen, was wir in Dubai verpasst hatten: echte Emiratis kennenzulernen. Unsere Gastgeber Khalifa und Khalid Ali kommen regelmäßig aus dem schnelllebigen Dubai hierher, um sich in der wunderbaren Natur Musandams Ruhe vom stressigen Alltag zu gönnen. Naja, so ganz ohne Luxus wollen sie auch hier nicht auskommen… Sie sind mit zwei großen Anhängern angereist, in denen sie ihre gesamte High-End-Ausrüstung transportieren. Es scheint ihnen wirklich an nichts zu fehlen. Selbst einen knatternden Stromgenerator besitzen sie, der das Zirpen der Grillen übertönt und im ganzen Camp für taghelle Beleuchtung sorgt – aber immerhin: vorbildlich mit Energiesparlampen!
Am nächsten Morgen reißt mich nach nur vier Stunden Schlaf der Wecker aus meinen tiefsten Träumen. Die Uhr zeigt gerade erst fünf – ich muss mich zwingen aufzustehen. Aber jetzt in den frühen Morgenstunden ist das Licht nun einmal am Besten zum Fotografieren. Schlaftrunken stopfen wir im Schein unserer Stirnlampen das Zelt, die Isomatten und die Schlafsäcke ins Auto. Wir schultern die Kameraausrüstung und los geht´s - so, wie jeden Morgen um diese Zeit. Auch nachmittags, vor dem Sonnenuntergang steht Fotografieren auf dem Tagesplan. In den verbleibenden Stunden dazwischen und spät abends ist nicht etwa Ausruhen angesagt. Es bleibt immer unendlich viel zu tun: Bilder archivieren, Tagebuch oder Blogbeiträge schreiben, die Kameraausrüstung putzen oder aber mit Reiseführer und Karte die nächsten Etappen vorbereiten, den Ort wechseln, und vieles mehr. Die Nächte sind deshalb oft nur sehr kurz und wir arbeiten häufig total am Limit. Aber schaut euch das Bild von der Morgenstimmung am Strand an! Für Momente wie diesen stehe ich gerne auf! Es gibt unzählige solcher schönen Erfahrungen, die die Arbeit eines Reisefotografen zu etwas ganz Besonderem machen und die ganzen Strapazen relativieren. Man fühlt sich so frei, ist oft den ganzen Tag draußen unterwegs, kann einfach anhalten, wo und wann es einem gefällt. Kurz nachdem wir vom Fjord in die Berge aufgebrochen sind, sehen wir am Weg eine ausgetrocknete und von Rissen durchzogen Lehmkuhle. Wir steigen aus, beobachten alles ganz genau, lassen uns gefangen nehmen von diesem Ort, tüfteln an verschiedenen Detailaufnahmen und verlieren darüber jedes Zeitgefühl. Es spielt für uns in diesem Moment überhaupt keine Rolle. Dann fahren wir ein Stück weiter, bis unsere Mägen sich melden – Zeit für Frühstück. Wir hocken uns in die Sonne auf einen Felsen und packen unser Essen aus, ein bisschen Brot, Schmierkäse und Marmelade. Es nur ein einfaches Mahl, aber hier, in dieser großartigen Umgebung, schmeckt es super gut!
Die Piste schlängelt sich durch karge Berge aus Kalkgestein, in die das Wasser tiefe Furchen gefressen hat. Am Rande dieser ausgetrockneten „Wadis“ liegen verstreut winzige Bergdörfer. Mit ihren Palmenhainen und den umzäunten Viehweiden sind sie kleine Oasen in dieser riesigen Wüste aus Stein. Die einzelnen Gehöfte sind von Mauern umgeben. Bunt verzierte Metalltüren erlauben einen Blick in das Innere: Kinder spielen vor einem weißen Wohnhäuschen, in einem Pferch mümmeln ein Esel und einige Ziegen an ihrem Heu. Auf den von vereinzelten Dattelpalmen umgebenen Feldern, die zentral im Wadi liegen, herrscht reges Treiben: In den vergangenen Wochen hat es reichlich geregnet, jetzt werden die Felder gepflügt. „Das sind noch richtige Männer!“, kommentiert Hardy das Bild das sich uns bietet. Einer ackert an einem Seil vor dem einschaarigen Pflug, den sein Kollege Reihe für Reihe durch die flachgründige steinige Erde steuert. Unfassbar, was ist das für eine Welt? Zu Hause bearbeitet mein Bruder Simon in seiner Ausbildung zum Landwirt mit vielen Hundert PS vor einem 8-scharigen Pflug in rasender Geschwindigkeit riesige Ackerflächen und hier, auf der gleichen Erde, wird diese Arbeit in schwerster Ochserei mit der Hand verrichtet.
Nebel zieht auf und mit zunehmender Höhe wird die Sicht immer schlechter. Als wir auf dem Pass angekommen sind, fängt es an zu regnen. Da wir bei diesem Wetter ohnehin nicht fotografieren können, klappen wir die Autositze zurück und gönnen uns einen kleinen Mittagsschlaf. So wie heute gelingt es uns manchmal in den Mittagsstunden ein bisschen von dem aufzuholen, was uns in den Nächten abgeht. „Happy Birthday to you. Happy Birthday to you…“ weckt Hardy mich mit einem Ständchen. Dazu hat er eine Kerze angezündet. Dieser ungewöhnliche Geburtstag wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Ich lese die Geburtstagspost aus der Heimat und packe die Geschenke von Hardy und seiner Freundin Christina aus. Sie hat mir zum Geburtstag in den Reiseadvendskalender einen Outdoor-Cheeseburger aus der Dose und Trockenobst eingepackt.
Immer stärker prasselt der Regen auf die Windschutzscheibe. Auf der Piste bilden sich bereits kleine Bäche. Wir sind hin und her gerissen: Wir haben noch nicht ausreichend Aufnahmen von der Bergwelt Musandams und hoffen, dass es zum Spätnachmittag wieder aufklart, aber wir wollen uns auch nicht unnötig in Gefahr bringen. Dann klingelt auch noch das Handy: „Wo seid ihr?“ fragt Mohamed unser Autovermieter besorgt, „Es ist Regen gemeldet! Fahrt um Himmels Willen bei diesem Wetter nicht in die Berge!“ Hardy versucht ihn zu beruhigen, aber Mohameds Befürchtungen sind wohl nicht ganz unberechtigt. Wenn es viel regnet, sammelt sich das Wasser mit einer unberechenbaren Geschwindigkeit in den Wadis. Die Pisten werden durch die gewaltigen Wassermassen unpassierbar – davor hatte man uns wiederholt ausdrücklich gewarnt. Bevor es zu spät ist, machen wir uns vorsichtig auf den Rückweg nach Khasab. Die Pisten sind sehr steil und mittlerweile ganz schön rutschig. Langsam steuere ich den schweren Geländewagen durch die engen Kurven. Hardy ist als Beifahrer nicht so richtig wohl in seiner Haut. „Joe, fahr bitte noch ein bisschen langsamer“, fordert er mich auf. Ich zeige mich ganz verständnisvoll, schließlich hat seine Assistentin bei der letzten Recherchereise den Wagen aufs Dach gelegt. Heute hat unser Schutzengel noch gewissenhaft aufgepasst, wir kommen gut zurück nach Khasab. Am Abend stoßen wir zur Feier des Tages in der Bar eines Nobelhotels mit einem Heineken aus der Dose für stolze 6 Euro an. In diesen Genuss kommt man im Oman nur in den großen Hotels, in der Öffentlichkeit ist Alkohol streng verboten. Das, was wir heute Abend in Bier investiert haben, sparen wir bei der Übernachtung. Einmal mehr schlummern wir unter einem wunderbaren Sternenhimmel und beim dem beruhigenden Rauschen der Wellen am Strand ein. In unserem Zelt fühlen wir uns an der frischen Luft unter freiem Himmel viel wohler, als in jedem Hotelzimmer. Von mir aus hätte es ewig so weitergehen können.
Und dann: der totale Absturz! Wie konnte das nur passieren? Wir kamen von den Schmugglern und waren auf dem Rückweg durch den Hafen von Khasab. Ich musste dringend mal pinkeln. Eine leicht schräge Rampe mit unverstelltem Blick auf das Hafenbecken schien mir ein geeignetes Plätzchen. Nichtsahnend schlenderte ich sie zur Hälfte hinunter. Hier, dachte ich, bin ich schön ungestört… Und dann passiert es, beim letzten Schritt: Der Beton ist durch Algen spiegelglatt. Ich verliere sofort das Gleichgewicht. Reflexartig werfe ich mich herum und versuche mich im letzten Moment irgendwo festzukrallen. Ich finde keinen Halt und reiße mir die Finger auf. „Scheiße, das geht daneben!“ schießt es mir durch den Kopf. Unkontrolliert schlingere ich rasend schnell in Richtung Hafenbecken. Ich schreie. Es gibt einen heftigen Schlag: Mit dem Gesicht treffe ich die Betonkante und stürze ins brackige Hafenbecken. Mir wird schwarz vor Augen. Ich tauche auf. Mein Gesicht ist ganz taub. Neben mir schwimmt meine Umhängetasche. Wie ferngesteuert schwimme ich zur Kaimauer, Klettere Sprosse für Sprosse eine rettende Leiter hoch. Als ich fast oben bin erscheint über der Kante Hardys Gesicht: „Hey Joe, was ist passiert?“ fragt er entsetzt, „Du bist ja ganz voller Blut!“ Ich fahre mir mit der Hand durchs Gesicht, sie ist blutverschmiert. Ich hocke mich auf den Boden und wasche meine Hände in einer Pfütze. Die Nase hört nicht auf zu bluten. Dicke Tropfen färben das Wasser tiefrot. Hardy weiß nicht ob er lachen oder weinen soll in dieser völlig absurden Situation. Er ist betroffen, „Man, das tut mir wirklich leid Joe.“ und fängt im nächsten Moment an zu lachen. Ja, Hardy lacht, anstatt sich darüber zu ärgern, dass gerade seine Kameras im Wert von ein paar Tausend Euro über den omanischen Golf gegangen sind!
Ich kann noch überhaupt nicht fassen, was gerade passiert ist, fühle mich elend und bin völlig resigniert. Meine Gedanken überschlagen sich. Das war es wohl mit dieser Reise, die Kameras sind garantiert kaputt... Wo zum Teufel sollen wir hier am Ende der Welt neue Geräte her bekommen und wie soll ich das ganze Geld auftreiben? Hardy holt mich aus meiner Lethargie:„Hey Joe, guck mal!“. „Klick.“ Er drückt auf den Auslöser seiner kleinen Kompaktkamera, die er nur im Schlaf ablegt und macht das obligatorische Foto. So war die Abmachung für irgendwelche Zwischenfälle: Erst das Foto, dann die Behandlung. „Das muss auf jeden Fall genäht werden“, meint er. „Aber erst mal müssen wir unbemerkt an den Zöllnern vorbeikommen.“ Was sollen die nur denken, wenn sie uns in diesem Aufzug erwischen? Wir sind ohnehin schon viel länger im Hafen unterwegs, als sie es uns erlaubt hatten. Während Hardy sich bei ihnen überschwenglich verabschiedet, schleiche ich mich unauffällig an den Büros vorbei. Keiner scheint irgend etwas gemerkt zu haben. Auch Hardy ist darüber sichtlich erleichtert. Da haben wir ausnahmsweise mal Glück gehabt.
Wir kommen an die Hauptstraße. Schon das erste Auto hält sofort an. Der Fahrer Walid Ali lädt uns in sein Auto, lässt seine Arbeit Arbeit sein und fährt uns zum Hotel, damit ich mir trockene Klamotten anziehen kann. Dann bringt er uns zum Krankenhaus. Dort scheint er alle zu kennen und so werden wir sofort bis ins Untersuchungszimmer gebracht. Ein ägyptischer Arzt und eine verschleierte Krankenschwester nähen meine Nase mit fünf Stichen. Walid Ali weicht nicht von meiner Seite. In seiner grauen Dishdasha, dem typischen omanischen Männergewand, und einem roten Turban auf dem Kopf sitzt er fürsorglich neben mir und spricht mir gut zu. Es kann ihn später auch niemand davon abhalten meine Medikamente zu bezahlen. Vom Krankenhaus bringt er uns zurück zum Hotel. Er gibt mir seine Handynummer und sagt, dass ich mich unbedingt melden soll, falls ich irgendetwas brauche oder es mir nicht gut geht. In den nächsten Tagen ruft er noch öfters an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und einmal sogar, um uns mitzuteilen, dass der FC Köln gerade führt! Ich bin wirklich tief beeindruckt, von dieser grenzenlosen omanischen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Der Gegensatz zu dem, wie bei uns die arabischen Ländern dargestellt werden, ist so krass, dass in mir der Verdacht keimt: Irgendwas kann da an der Medienberichterstattung nicht stimmen… Bisher zumindest erlebe ich alles viel positiver. Ob das auf dieser Reise so bleiben wird?

Iranische Schmuggler:…
Schmuggler, schlafende Schutzengel und schwimmende Kameras
12.12.2009, Khasab
Von Dubai sind wir mit dem Bus die Küste entlang nach Osten ins deutlich ärmere Emirat Ras Al Khaima gereist. Da es keine Busse gibt, gönnten wir uns für die 40 Kilometer zur Grenze nach Oman ein Taxi – zum Preis von „stolzen“ 10 Euro! Mit unserer formidablen Sackkarre und dem Karton voller Geschenke, den Rucksäcken und der Kameraausrüstung passierten wir die ungläubigen Zöllner zu Fuß. Ein Pick-up voller Bauholz nahm uns dann nach Khasab mit, Musandams Hauptort.
Uralte Handelsbeziehungen und moderne Schmuggler
Eine Armada von iranischen Schnellbooten fällt vormittags im Hafen von Khasab ein, um an Bord zu nehmen, was zuhause, auf der anderen Seite der Straße von Hormuz, nicht zu kaufen ist. Uns interessiert diese moderne Episode des Warenverkehrs zwischen Oman und Iran, immerhin ist die Geschichte des Handels ein Hauptthema von TRANS ARABIA. Wir wissen allerdings noch nicht, ob wir uns mit den iranischen Schmugglern verständigen können. Persisch zählt jedenfalls nicht zu unserem Sprachrepertoire. Und vor allem: Werden sie überhaupt bereit sein, mit uns zu reden? Wen immer wir auf die Schmuggler ansprechen, macht uns wenig Hoffnung. „Das könnt Ihr vergessen. Die haben viel zu viel Schiss vor den Repressalien zuhause, wenn sie erkannt werden!“, heisst es.
Der Güteraustausch zwischen Oman und Persien ist steinalt. Bereits vor fünftausend Jahren, zu Zeiten des legendären Reiches von Magan, wurde wertvolles Kupfer aus Oman in die gesamte Golfregion ausgeführt. Und eben so alt mag die strategische Bedeutung der Halbinsel Musandam sein, die den Persisch-Arabischen Golf vom Indischen Ozean trennt. Von hier aus lassen sich die Meerenge und damit die Warenströme in und aus dem Golf kontrollieren. Aus diesem Grund begehrten den kargen Landstrich bereits Perser, Portugiesen, Briten und wer sonst noch in der Region Seemachtsambitionen hegte. Im 21. Jahrhundert ist Musandams Lage bedeutsamer denn je, immerhin schwimmt hier ein großer Teil der globalen Erdölproduktion im Bauch von Riesentankern vorbei.
Die Zöllner, unsere Freunde
Politisch ist der Landstrich eine Exklave des Sultanats von Oman, die von den Vereinigten Emiraten umschlossen wird. Wer heutzutage auf die schroffe und wüstenhafte Halbinsel kommt, ist entweder Tourist auf der Suche nach spektakulären Naturerlebnissen, Mitarbeiter der CIA (der Volksmund Musandams will zumindest wissen, dass der amerikanische Geheimdienst regelmäßig Betriebsausflüge zum äussersten Zipfel Khumzar unternimmt, von wo man die iranische Küste sehen kann) – oder eben Schmuggler.
Unser Plan für das konspirative Rendezvous droht an der ersten Hürde zu scheitern: Die omanischen Zöllner, die das Hafentor bewachen, sind zuvorkommend, aber bestimmt: „Muta'asif! Es tut uns leid, aber der Zutritt zum Hafen ist leider nicht möglich!“ Typisch Oman: Im nächsten Satz laden sie uns auf einen Tee ein. Bei einer Tasse bleibt es im Verlauf der nächsten Stunde nicht. Drei Tschai und 2 omanische Kaffees später haben wir in Erfahrung gebracht, dass täglich rund 50 iranische Schmugglerboote anlanden, leer oder mit Ziegen an Bord, welche nach Abu Dhabi weiterverkauft werden. Ferner wissen wir nun, dass die Kartons auf den überladenen Pick-Ups, die durch die Zollhalle in den Hafen rollen, jede Menge Konsumgüter mit Destination Iran enthalten. Und: unsere neu gewonnen Freunde, die Zöllner Mohamed, Ahmed und Tareq lassen uns schließlich mit besten Empfehlungen doch passieren!
Schnelle Boote
Drei Pontons sind im Hafenbecken verankert, auf denen sich Berge von Waren stapeln. Es mögen 15 offene Glasfaserboote sein, die längsseits an den Metallflößen vertäut sind und beladen werden, während dreißig weitere Boote ein paar Dutzend Meter abseits als schwimmendes Paket im Wasser treiben. Anders, als wir uns beim Begriff Schnellboot vorstellten, wirken sie gedrungen, fast plump und vor allem: winzig. Sie sind kaum länger als 6 Meter und 2,5 Meter breit. Schwere Außenbordmotoren rüsten diese schwimmenden Yoghurtbecher zu wahren Geschossen hoch. Bei voller Geschwindigkeit von rund 50 km/h muss der Ritt über den Golf einem Veitstanz von Wellenkamm zu Wellenkamm gleichen.
Es fängt an zu regnen, ich schütze meine Kamera gegen die Feuchtigkeit mit einer Plastiktüte, was sich auch als Tarnung gut macht. Denn wohl in meiner Haut fühle ich mich beim Fotografieren nicht, wegen der Hafenbehörde und den Schmugglern. Die sind allerdings so mit dem Laden beschäftigt, dass sie uns bisher noch überhaupt nicht wahrgenommen haben. Die Katastrophe nähert sich von ganz anderer Seite – ohne dass wir es ahnen ...
Wilde Gestalten
Unter den Schmugglern sind wilde Gestalten, angemustert mit einem Klamotten-Mischmasch, das geradewegs aus einem Altkleidersack zu stammen scheint. Da begegnen sich russische Fliegerkappen, Wollmützen und verwegene Kopftücher, Neoprenanzüge, Windblousons und Trainingsjacken.
Offen gesagt: Ich habe Bammel, einen der Männer anzusprechen. Warum sollten sie mir Rede und Antwort auf neugierige Fragen stehen? Haben sie nicht weiss Gott besseres zu tun? Es ist ein bunter Haufen verschiedenster Nationalität. Viele Afghanen sind darunter – stille Genossen mit traurigen grünen Augen, die hier an der Küste völlig deplatziert wirken. Ich nehme mir ein Herz und wende mich an einen afrikanisch, vielleicht auch somalisch aussehenden Schmuggler, der auf einem Ballen sitzt und das Beladen der Boote verfolgt. Erste graue Haare zeigen sich an den Schläfen des Hageren, seine beige Jacke ist abgegriffen. Er hat ein erbärmliches Gebiss mit großen Lücken, die immer zum Vorschein kommen, wenn er spitzbübisch lacht. Das macht ihn sympathisch. Abdullah spricht leidlich Arabisch und entpuppt sich als offen. Abdallah ist ein alter Hase im Business, seit 15 Jahren überquert er schon die Meerenge und hat sich zum Kapitän eines Bootes hochgearbeitet. „Gehört Dir das Boot?“ „Nein“, winkt er ab, „Der Besitzer sitzt im Iran – an Land.“
Betriebsamkeit eines Bienenstocks
Es herrscht die Betriebsamkeit eines Bienenstocks. Pickups rollen rückwärts die Rampen der Pontons hinunter. Die offenen Boote sind wie schwimmende Geschenkboxen: Sie sind mit wasserdichten Planen ausgeschlagen, deren Enden ins Wasser hängen. Kartons werden von einer Menschenkette in die Boote bugsiert. Etwas ungläubig registrieren wir, dass ein großer Teil des kostbaren Platzes mit Paletten künstlich schmeckender Softdrinks gefüllt werden, die wir meiden wie der Diabetiker das Zuckerwasser. Außerdem an Bord: Satellitenschüsseln, Farbfernseher, Kleiderballen und sogar Motorräder! Wenn alles verladen ist, werden die Planen gegen das Spritzwasser umgeschlagen und festgezurrt. Und mit diesen überladenen Nachen wollen die waghalsigen Männer über 50 Kilometer offenes Meer, durch die feindlichen Linien der iranischen Küstenwache?
Unser Mann Abdallah
„Ist das nicht ein Selbstmordmanöver?“, frage ich Abdallah ungläubig. „Ach was, je nach Wetterlage sind es 1-2 Stunden bis Bandar Abbas, mehr nicht! Es ist ein Katzensprung. Wollt Ihr rüber fahren? Kein Problem, wir nehmen Euch mit!“ Wir sind gerührt angesichts der herzlichen Einladung, halten eine illegale Einreise auf einem Schmugglerboot wegen des gereizten Regimes von Ahmadinejad aber für keine gute Idee und lehnen dankend ab.
Als ich nochmals wegen des Risikos nachhake räumt er ein, dass immer wieder Crews ertrinkten, wenn Boote umschlagen. „Und wie entgeht Ihr der Küstenwache? Wie oft bist Du schon gecasht worden?“ „Ich? Noch nie!“ Da ist es wieder, sein spitzbübisches Lachen. „Aber wenn sie Dich erwischen, ist das auch nicht so schlimm. Dann zahlst Du eben 50 omanische Riyal - ca. 100 Euro - Lösegeld. Aber soweit kommt es meist gar nicht. Bei der iranischen Küstenwache gibt es Leute, die gegen gutes Geld gute Informationen liefern. Bevor wir starten, holen wir den „Wetterbericht“ ein. Und wir fahren immer im Rudel. Wenn es Probleme geben sollte, splitten wir uns auf. Glaub mir, wir beherrschen unsere Boote, es ist nicht so einfach, uns zu kriegen.“ Wasserscheu scheinen sie trotzdem zu sein, die harten Jungs. Im leichten Nieselregen verkriechen sich einige von ihnen unter rosa-farbenen Regenschirmen.
Musandem lebt vom Schmuggel
Hier, auf omanischer Seite, geht alles ganz legal vonstatten: Die begehrten Waren kommen per LKW aus Dubai nach Oman und werden von den Iranern regulär ausgeführt. Dass alles, was danach passiert, nach iranischem Gesetz illegal ist, wissen die Omanis zwar, es interessiert sie jedoch nicht. Schließlich lebt Musandam hervorragend von diesem Geschäft. 28.000 Einwohner hat die Halbinsel, außer etwas Tourismus, einem Militärstützpunkt, Fischerei und der Haltung von Ziegen und Schafen gibt es keinerlei Einkommensmöglichkeiten. Der Zwischenhandel und die Vermietung von Fahrzeugen für den Transport der Waren vom Souq zum Hafen sind da ein einträgliches Geschäft. So einträglich offenbar, dass direkt am Hafen ein riesiges Einkaufszentrum gebaut wird, wo der gesamte Schmuggelbedarf bequem erhältlich sein wird. Dass dieser Betonriegel überhaupt nicht zum Flair des Hauptortes der Halbinsel passt und den kleineren Geschäften mächtig über die Füße fahren wird, scheint die Verantwortlichen nicht zu interessieren.
Schlafende Schutzengel und schwimmende Kameras
Wir haben schon mehr erfahren als wir gehofft hatten und wollen unser Glück nicht überstrapazieren. Als ein omanischer Händler beginnt, wegen unserer Fotos gegen die Amerikaner zu stänkern, scheint es Zeit zu gehen, wir verabschieden uns von Abdallah und wünschen ihm eine gute Reise zurück in den Gottesstaat. Aber das kann das Unheil auch nicht mehr abwenden. unser Schutzengel muss wohl eingenickt sein. Auf dem Rückweg zum Zollgebäude will Joe noch kurz eben pinkeln gehen, läuft die Betonrampe zum Hafenbecken hinunter und verschwindet aus meinem Gesichtskreis. Es ist das letzte, was ich von ihm sehe.
„Aaaargh!“ - ein gräßlicher Urschrei zwischen Wut und Verzweiflung und dann ein fetter Platscher. Was zum Henker … was war das?! Den Bruchteil einer Sekunde, den ich brauche, um zu schalten scheint wie eine Ewigkeit. Johannes wird doch wohl nicht … - gütiger Himmel, die Kameras! Ich laufe zum Rand des Hafenbeckens, in dem Johannes schwimmt - blutüberströmt!! Neben ihm die Umhängetasche mit meinen Kameras, in welcher der halbe Persisch-Arabische Golf schwappt. Was um Gottes Willen, ist eben passiert?

Hotel Al Ras, Dubai
Da, wo die pakistanische Post abgeht
04.12.2009, Dubai
Ausgepowert liege ich auf dem Bett. Der Stress der letzten Tage lähmt meine Gedanken und Glieder. Ich will nur noch eines: Endlich schlafen! Doch statt der erhofften Stille malträtieren Bässe meine Trommelfelle.
Warum um Gottes Willen hat uns der syrische Taxifahrer Abd Al-Razaq ausgerechnet in diesem Hotel abgesetzt? Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Auf den Wunsch nach einer günstigen Unterkunft brachte er uns vom gigantischen Flughafen nach Deira, ins alte Herz von Dubai, in dem der Souk und eine unübersehbare Zahl von Im- & Export Geschäften liegen. Die arabischen Einheimischen sind längst aus den engen, ständig verstopften Straßen in neue, großzügige Quartiere umgezogen und so wohnen hier fast ausschließlich Gastarbeiter aus Pakistan, Indien und Bangladesh.
Da Schlaf bei der Geräuschkulisse zwangsläufig ein Traum bleibt, werfen wir uns wieder die Kleider über und rücken aus, um die Lärmquelle ausfindig zu machen. „Hello my friends!“ begrüßt uns Amjal im Foyer des Al-Ras Hotels überschwänglich. Welche Funktion er genau erfüllt wissen wir nicht. Aber er scheint ein kompetenter Ansprechpartner für unser Problem. Wir deuten auf eine ominöse weisse Tür, die eine pakistanische Aufschrift trägt. Hinter ihr quillen die wummernden Bässe hervor. Eine Geste, die missdeutet wird. „Welcome to the Pakistani Nightclub!“, strahlt er. Sind wir hier etwa in einem Stundenhotel gelandet? „Don't worry!“, beantwortet er unser Zögern, „Only looking!“, und stößt die doppelte Tür auf. Wir betreten den Hort von schamlosem Verlangen und ungezügelter Sünde ...
Um eine kleine Tanzfläche herum hat man in U-Form Tische mit weissen Decken aufgebaut, drei ansteigende Reihen, die von jedem Platz optimale Sicht garantieren. Pakistanische Herren verschiedenster Alterstufen verfolgen von dort das Geschehen auf der Tanzfläche, scheinbar regungslos. Bisweilen nippen sie an einem Bier oder ziehen an ihrer Zigarette. Wie eine strenge Jury sehen sie aus und wir wären nicht erstaunt, wenn sie jeden Moment die Nummernkarten in die Höhe hielten. Das Ziel der Aufmerksamkeit: Sechs Schmuck behangene Frauen aus Pakistan oder Bangladesh in weiten, bunten Kleidern, die abwechselnd zum hämmernden Pakistani-Pop auf der kleinen freien Fläche tanzen und den Männern dabei kokettierende Blicke zuwerfen, während ihr langes offenes Haar im Takt schwingt.
„Mister, take a seat please!“ werden wir von der philipinischen Bedienung sofort auf die besten Plätze in der ersten Reihe eingeladen. Es sieht alles so harmlos aus, dass uns niemals das Wort Nachtclub über die Lippen gekommen wäre. Gut, im pakistanischen Kontext gewinnt die Szene wegen des Alkohols und der offenen Haare, die laut Reiseführer als Sexsymbol gelten und von den meisten Frauen mit einem Kopftuch verhüllt werden, ein wenig an Brisanz. In Deutschland wäre lediglich die Lautstärke der Musik ein Skandal. Uns scheint es jedenfalls nicht wert, für das Gebotene den ersehnten Schlaf zu opfern. Und so treten wir für heute entschlossen den Rückzug an.
Vor der Tür, dort, wo wieder eine Verständigung mit Worten möglich ist, werden wir von Amjal abgefangen. „The Pakistani Nightclub is nothing for you? No problem. I will show you something special!“ Bis über beide Ohren grinsend deutet er auf ein Schild mit arabischen Schriftzeichen. „Come with me my friends!“ lädt er uns ein. Über eine düstere Stiege folgen wir ihm in den ersten Stock und betreten eine schummrige Bar. Die Damen hier sind viel aufreizender gekleidet als im Stockwerk darunter und sie sind robuster gebaut. Ihre Gesichtszüge wirken irgendwie – jungenhaft!! Ich traue mich erst, Amjal darauf anzusprechen, als wir wieder unten sind. “What is written on this sign?” “Oh, the sign, right?”, fragt er und grinst noch ein bisschen breiter. “It means lady boys.” Dann bedankt er sich überschwänglich bei uns: Wie ein kleiner König ist er mit uns westlichen Trophäen in den Transvestiten-Club stolziert und hat damit seine Freunde sichtlich beeindruckt. Wir verabschieden uns hastig. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen – in unser eigenes!
